Vielfalt wagen, Horizonte öffnen!
Die Jusos Sachsen haben 2011 als Gleichstellungsjahr ausgerufen. Alle Jusos, männlich und weiblich, ob Neu-Juso oder Vorsitzende, sind aufgerufen, sich daran zu beteiligen und das Jahr auch über die Fragen der Geschlechtergerechtigkeit hinaus mit vielfältigem Leben zu füllen.
Es gibt laut der soziologischen Forschung eine unsichtbar privilegierte Form des Normalmenschen in unserer Gesellschaft: Ein Weißer, deutsch-stämmig, ohne gesundheitlichen Einschränkungen, in mittlerem Alter, heterosexuell, verheiratet oder in einer dauerhaften, monogamen Zweierbeziehung, Vater, in einem sozialversicherungspflichtigen Vollzeitarbeitsverhältnis, Ersparnisse auf der Bank, mit akademischer oder solider Facharbeiterausbildung...
Wer dieser Norm (großteils) entspricht, für den ist es nicht offensichtlich, was eine Abweichung von diesem Ideal für Schwierigkeiten mit sich bringt. Für ihn spielen diese Eigenschaften keine Rolle, er entspricht der Normalität. Für davon abweichende Menschen spielen sie dagegen eine Rolle. Wer arbeitslos ist, wer eine sichtbare nicht rein deutsche Familiengeschichte hat, wer körperlich oder psychisch erkrankt oder eingeschränkt ist, wer nicht eindeutig „Mann“ ist, wer nicht heteronormative monogame Lebensweisen lebt, spürt, dass er oder sie in dieser Gesellschaft eine Besonderheit darstellt, eine - unerwünschte, problem-behaftete - Abweichung.
Viele Frauen weichen dieser Erkenntnis lange erfolgreich aus, indem sie ein an die „weibliche“ Version von dieser „Normalität“ angepasstes Leben führen, z.B. durch ihre Berufswahl oder die Übernahme von „typisch weiblichen“ Aufgabenfeldern im privaten und im ehrenamtlichen Bereich – andere der oben genannten Kriterien erfüllen sie – oder eben nicht.
Nicht alle Kriterien können alle Menschen durch reine Anpassungsbereitschaft erfüllen.
Wer erfüllt denn überhaupt schon alle diese Normalitätskriterien? Und wäre die Welt nicht sehr eintönig, wenn alle das täten? Trotzdem richtet Politik sich nach dieser Norm – wenn es nicht gerade um Sozialpolitik oder Minderheitenrechte geht. Die Politik geht somit an der Realität von immer mehr Menschen vorbei. Eine bessere, gerechtere Politik muss die Vielfalt der Menschen berücksichtigen. Diesem Anspruch versuchen wir uns anzunähern.
Ich behaupte, es gibt auch einen „Normaljuso“: Dieser ist ein (sozialwissenschaftlicher) Student (da zähle ich Jura, Wirtschaftswissenschaften, Politik, Soziologie, Geschichte und Pädagogik mal dazu), Mitte 20, schon einige Jahre aktiv, ohne berufliche und ohne Familienpflichten. Er hat recht viel Zeitsouveränität, die er fast ausschließlich für sein politisches Engagement nutzt. Er stammt aus gesicherten materiellen und rein deutschstämmigen Familienverhältnissen, ist gesund, heterosexuell, er redet gerne vor Publikum und in Fachtermini und Abkürzungen und ist sich seines Wissens und seiner Fachkompetenz in seinen Fachgebieten selbstbewusst. Er hat einen Großteil seines Freundeskreises bei den Jusos, häufig auch eine Juso-interne Beziehung..
Es geht hier nicht um einen empirische ermittelbaren, statistischen Durchschnitts- Mitteljuso oder um eine politische Mehrheit. Und auch hier gibt es wohl keine_n, der_die alle diese Kriterien komplett erfüllen kann und will, und wenn es ihn gibt, ist er natürlich auch ein erwünschter Teil eine vielfältigen Gruppen von Juso-Identitäten.
Es geht darum: Diese Norm(-alitätsannahme) ist wirksam, denn wir spüren sie bei eigener Abweichung früher oder später. Dies kann Beteiligungsmöglichkeiten begrenzen, Menschen abschrecken, bei uns aktiv zu werden oder sie frustrieren, weil die Beteiligung so mühsam für sie ist. Dies schließlich engt die Perspektiven, die in den Verbandsdebatten wirksam werden, ein. So kann es also nicht weiter gehen.
Daher, machen wir uns fit für einen neuen vielfältigen Zugang zu Politik und politischer Arbeit!
Es geht um mehr als Toleranz (Unterschiede aushalten können)!
Es geht um Wertschätzung von Vielfalt, um Courage und Solidarität gegen alle Diskriminierungen und um das Nutzen aller Potentiale und Perspektiven!